Wir können uns bemühen wie wir wollen

unsere Kinder machen uns doch alles nach“

Den neuesten Stand der Wissenschaft zur Frage, wie Kinder nun durch Vererbung und Umwelt beeinflusst werden, kenne ich nicht. Ich weiß aber, dass bei unseren Kindern das, was nicht immer offensichtlich sichtbar ist, die Stimmungen in unserer Familie und die Wertschätzung viel mehr prägt als alles andere. Es gibt so viele alltägliche Dinge, die auf unsere Kinder viel nachhaltiger wirken als die besten Ratschläge!

Was nützt es, wenn ich mein Kind ständig ermahne, „Bitte“ und „Danke“ zu sagen? Wenn ICH selbst anderen Menschen meinen Dank, auch für Kleinigkeiten, nicht ausdrücke, wird mein Kind kaum einsehen, warum es sich für jedes kleine Bonbon bedanken soll. Und ob mein Kind um etwas bittet oder etwas fordert hängt sicherlich auch damit zusammen, ob ich es täglich mehr bitte, seine Aufgaben zu erfüllen oder die Erfüllung von ihm fordere. Ich habe allein durch mein Verhalten entscheidenden Einfluss darauf, ob mein Kind „Bitte“ und „Danke“ ganz selbstverständlich häufig benutzt oder ob es das nur in meinem Beisein macht, um Sanktionen zu umgehen.

Ein kleines Kind, das den ganzen Tag mit Mama verbringt, beobachtet einen großen Teil des Tages, dass Mama sehr beschäftigt ist, Schranktüren zu öffnen und zu schließen und Sachen ein- und auszuräumen. Kinder wollen lernen, Kinder wollen groß werden – sie orientieren sich an Vorbildern. Hier erfährt das Kind „wenn Mama das so oft macht, muss es etwas ganz Wichtiges sein, das „Große“ machen – also muss ich es auch tun!!!“ Und aus einzig diesem Grund beginnen Kinder damit, Schränke auszuräumen – sie wollen auch groß sein. Wenn man sich dieses Vorbildverhalten, das unmittelbar auf das kindliche Verhalten wirkt, durch diesen Blickwinkel des Kindes betrachtet, sind viele Tätigkeiten des Kindes plötzlich viel nachvollziehbarer. - Und für aufmerksame Eltern stellen sich plötzlich viele neue Fragen, wie z. B. „Warum muss Unterwäsche gefaltet in der Schublade liegen, solange mein Kind noch nicht falten kann?“, „Fällt es dem Betrachter eines Sockenfußes tatsächlich auf, ob die Socken zusammengekrempelt oder –gerollt wurden?“ Die Fingerfertigkeit, die Kinder damit erlernen ist jedenfalls beachtlich.

Einfacher scheint es natürlich, Kindern vieles zu verbieten (wer ist schon wirklich immer hocherfreut über ungeschickte, zeitraubende „Hilfe“) – aber hat irgendjemand behauptet, Kinder zu haben sei einfach? Ich denke, dass ich die Zeit und Geduld gar nicht in die eigentliche Tätigkeit, sondern vielmehr in die Intensität unserer Beziehung, das wache Interesse, die Neugierde und das Selbstbewusstsein meines Kindes investiere.

Wenn ich mit meinem Kind koche, so übertrage ich ihm Aufgaben, die es selbst bewältigen kann. Es ist stolz, auch einen wichtigen Beitrag zum gemeinsamen Essen geleistet zu haben und wächst durch meine Anerkennung über sich hinaus. Gut, das Kochen dauert etwas länger; es sieht vielleicht auch nicht so ästhetisch aus, was da in der Suppe landet; die Frikadellen sind nicht wirklich rund; aber unsere Kinder erleben das Kochen mit allen Sinnen, sie riechen, fühlen, schmecken und bekommen „nebenbei“ auch noch wichtige Regeln zur Hygiene mit auf den Weg.

Jeder hat natürlich eigene Grenzen dabei, welche Aufgaben er seinen Kindern übertragen kann, aber ich kann nur jedem Mut machen, diese Grenzen immer wieder zu überdenken und zu erweitern – es lohnt sich (nicht nur für die Kinder!).

Unsere Kinder sind z. B. ganz fasziniert vom Bügeln, aber bisher wollte ich es doch lieber alleine machen (geht schneller, weniger Falten, keine Verbrennungsgefahr,... – alles Mama-Sorgen!). Irgendwann hatte ich einen ganzen Vormittag Zeit, zwei motivierte Kinder und jede Menge Unterzieh-T-Shirts zu bügeln. Da habe ich dann doch das Bügelbrett ganz tief gestellt (ob der Erfinder das wohl so gewollt hat?) und meine Kinder nach ausführlichen Erklärungen (“Jahaaa Mama, das wissen wir doch!!!“) T-Shirts bügeln lassen. Ganz ehrlich, wenn sie eh nur drunter getragen werden, reicht es auch, wenn nur der Halsausschnitt keine erkennbaren Falten aufweist, oder?

Jedes Kind durfte bügeln solange es wollte.
Was haben sie gelernt? Mama hat Vertrauen in meine Fähigkeiten, sie weiß, dass ich vorsichtig bin und mich nicht verbrennen will – auch wenn es nicht ganz perfekt wird, Mama ist zufrieden mit mir, ich lerne ja noch – ich bin wichtig, Mama nimmt sich Zeit, mir etwas „Richtiges“ beizubringen .. UND: ein Bügeleisen ist ganz schön schwer, gut dass ich spielen gehen darf, wenn ich keine Lust mehr habe zu bügeln (Yeah! Nach nur 20 Minuten gehörte das Bügelbrett ausschließlich mir und meine Kinder spielten quasi unsichtbar alleine!!!)

Aber auch Spielen will gelernt sein! Hier hilft kein tolles Spielzeug, sondern einfach nur spielende Menschen. Wenn ich selbst Spaß daran habe zu spielen oder wenn Freunde kommen, die gerne spielen wird auch mein Kind es nachmachen. Und wenn ich eines meiner Kinder manchmal entnervt mit dem Satz „Geh spielen!“ in Richtung seines Zimmers schiebe, kann ich ziemlich sicher sein, dass es das NICHT tun wird! Natürlich hindert mich das nicht daran, es weiter zu versuchen (nobody is perfect.....). Wirklich ins Spiel finden Kinder anfangs aber meist nur, wenn ich selbst auch nur ein paar Minuten, die aber nicht halbherzig sondern 100%ig fürs Kind ins gemeinsame Spielen investiere. Und es lohnt sich! Ich sehe, je älter meine Kinder werden, desto öfter gehen sie tatsächlich alleine spielen (könnte ja sein, dass man sonst der Mama helfen darf .....). Aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen weiß ich, dass „Nachmacher“ wache, neugierige Kinder sind, die gerne „groß werden“ wollen. Unsere Aufgabe dabei ist es, herauszufinden, was sie können und sie in ihrem Tun zu unterstützen. Oft ist „nachmachen“ sehr negativ belegt, aber es ist die Grundlage des Lernens!

Wenn Kinder erfahren, dass wir sie in ihrer Entwicklung freundlich motivierend begleiten holen wir sie aus dem Abseits negativer Bewertungen heraus und zeigen ihnen, dass sie vieles schon können und dass es Freude macht, Neues zu lernen.

Sätze wie „Lass mich das lieber machen“/“Ich mach das eben alleine“/“Das kannst Du noch nicht“/…, gebraucht sicherlich jeder mal, weil es oft auch einfacher ist, es „eben schnell“ selbst zu tun. Kinder, die das oft hören, fühlen sich klein und nutzlos, ebenso wie „Nachmacher“, die als solche auch bezeichnet werden. Hilfreicher sind hier Sätze wie „Probier es mal“/ „Hilfst Du mir?“/“Mach es, wie Du es kannst“/…, die ein Kind ermutigen, ein „Nachmacher“ zu sein.

Je mehr sich unsere Kinder zutrauen, je mehr WIR ihnen zutrauen, desto öfter und intensiver werden sie sich auch eigenen Dingen zuwenden - Und dann tatsächlich auch irgendwann immer mehr selbständig spielen, denn mit zunehmendem Selbstbewusstsein und auch Wissen in bestimmten Bereichen werden aus allen „Nachmachern“ einmal „Selbstmacher“!

Ich freue mich immer wieder darüber, wenn ich sehe, dass beide Rollen bei meinen beiden Kindern auch immer wieder wechseln. Es macht ihnen Spaß, Neues zu entdecken und sie geben viele Fähigkeiten einander weiter. Es ist gut, dass jeder in unserer Familie besondere Stärken hat und wir ihn aber auch mit seinen Schwächen annehmen so wie er ist.

Die für uns wichtigen Werte vermitteln wir unseren Kindern nicht, indem wir sie lehren, sondern indem wir das Leben führen, das diese Werte beinhaltet!

Kerstin Blank-Bringmann  (2007)