oder "Der kleine Unterschied...."
Jungen spielen mit Autos – nun, das sagt man so, aber was das wirklich bedeutet wurde mir erst klar, als wir unseren Jungen bekamen.
Zur Ankunft unserer Tochter erhielten wir nette Kleidungsstücke, Stofftiere, Fotoalben, Knete, Bilderbücher und Plastikspielkram von mehr oder weniger brauchbarer Sorte.
Anstatt einer umfangreichen, kreativen Ergänzung unserer Spielsachen bekam unser Sohn hingegen von allen, "das geschenkt, was in unserem Haushalt bisher am meisten fehlte" – Autos, vorzugsweise Feuerwehrautos, dicht gefolgt von Polizeiautos. Weihnachten setzte sich dieser neue Trend in unserem Haus fort. "Natürlich" wurden wir gefragt, was unsere Kinder brauchen, aber für unseren Sohn war dann doch bei jedem Geschenk immer noch ein Auto dabei. Die, von denen wir nicht gefragt wurden, haben nicht einfach irgendetwas gekauft, sie schenkten "das, was kleine Jungs so brauchen", ein Feuerwehrauto. Das Feuerwehrauto im allgemeinen ist sicherlich ein gutes, nützliches, phantasievolles Spielzeug für kleine Jungs. Ich hätte aber nie gedacht, dass die Spielzeugindustrie hier so kreativ ist, wir haben tatsächlich kein einziges Auto doppelt.
Als uns klar wurde, daß nun erst einmal keine weiteren Geschenke mehr zu erwarten sind, mußten wir erkennen, daß einzig wir Eltern finanziell die Verantwortung für die Weiterentwicklung aller Fähigkeiten unseres Sohnes tragen müssen. Dürfen kleine Jungs nicht fürsorglich und liebevoll sein und haben sie kein Recht auf Kuscheltiere? Emanzipatorische Erziehung? Wie soll denn das bitte gehen, mit DER Unterstützung??? Es war eine ernüchternde Erkenntnis, denn bisher habe ich wirklich geglaubt, daß Weihnachten ausreicht, um die Spielzeug- und Ideenvorräte der Kinder für längere Zeit wieder aufzufüllen. Nun weiß ich es besser, bei kleinen Jungen muß man offensichtlich viel konkreter vorsorgen.
Wir haben diese "Gefahr" im ersten Jahr zwar erst sehr spät erkannt, aber es besteht noch Hoffnung. Zum letzten Geburtstag bekam unser Sohn kein einziges Auto und sogar ein niedliches Stofftier. Inzwischen hat er sogar eine Puppe, die er am liebsten im Wagen Rennen fahren läßt. Er hat Knete, Malstifte, Puzzle, Bausteine, usw. aber am liebsten, längsten und konzentriertesten spielt er mit seinen Autos....
Nur für statistische Zwecke: Wir können nun nach zwei Jahren 8 Feuerwehrautos verschiedenster Größe und Funktionen vorweisen und dazu noch rund 50 andere Autos – wie schon erwähnt, keines ist doppelt!
Inzwischen ahne ich die Ursache dieser Autoflut: je größer die Anzahl der Opas, Uropas und Onkel, desto größer wird auch die Zahl der Feuerwehrautos (die diese als kleine Jungs gerne gehabt hätten und nun dem einzigen kleinen Jungen, der zur Verfügung steht, schenken.)
Ich meine, Autos sind für kleine Jungs ja wirklich ein schönes Spielzeug. Man kann sie nebeneinander parken ... und man kann sie auch hintereinander parken.... man kann sie hintereinander auf allen geraden Armlehnen parken..... man kann sie nebeneinander auf Treppenstufen parken .... manche kann man sogar auf dem Badewannenrand parken .... man kann sie der Größe nach parken .... man kann kleine Autos in oder auf größeren parken.... Es macht nicht nur Spaß, mit Autos zu spielen, die Kinder lernen dabei auch wichtige Grundlagen der räumlichen Vorstellung, Größenverhältnisse, Flächennutzung und Schwerkraft. Sie trainieren Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit, wenn sie z. B. Autos unauffällig zwischen den Knöpfen gebügelter, gefalteter Hemden verschwinden lassen – natürlich in ordentlichen Reihen geparkt.
Inzwischen habe ich gelernt, daß man für all diese Aufgaben, die sich einem kleinen Autoparker täglich stellen tatsächlich viele, viele Autos braucht – oder ist unser Kind nur durch die Autos zu dem geworden, was er jetzt ist? Was wäre ohne Autos aus ihm geworden?
Seit ein paar Monaten beobachte ich vermehrt das Mitbringen von Treckern.... ich werde es im Auge behalten und gegebenenfalls demnächst ein absolutes Treckerverbot aussprechen ...
Inzwischen bin ich überzeugt davon, daß die heutigen Kinder, insbesondere durch unerfüllte Wünsche der sie umgebenden Erwachsenen, eine enorme "Kaufkraft" besitzen. Wir fangen da ja gerade erst einmal klein an ....
Kerstin Blank-Bringmann (2006)