Gelogen oder gewünscht?

Es gab Zeiten, in denen insbesondere aus dem Kindergarten beinahe täglich Situationen geschildert wurden, in denen unser Kind lügt.
Ich finde diese Aussage eine Zumutung für ein Kind im Kindergartenalter. Im Kindergarten sollen Kinder in ihrer Entwicklung begleitet und nicht schon bewertet in eine Schublade gesteckt werden!

Sicherlich haben manche Adoptivkinder es gut gelernt, sich die Wahrheit so zu drehen, wie es für sie angenehm ist. Sicherlich war es in manchen Zeiten auch eine willkommene Strategie um etwas zu erreichen oder auch zu vermeiden. Sicherlich ist es gerade für diese Kinder wichtig, sich in positivem Licht darzustellen – mit allen Mitteln!

Aber haben unsere Kinder es nicht besonders verdient, geliebt und verstanden anstatt zuerst bewertet zu werden?
Eine für mich anfangs sehr schwierig zu lernende, aber auf Dauer sehr effektive Art der Kommunikation, ist das „Spiegeln“. Ich gehe davon aus, dass das Lügen im Kindergartenalter keine böse Absicht des Kindes und vor allem auch keine absichtliche Hinterhältigkeit ist.

“Spiegeln“ bedeutet für mich: Ich fasse in Worte, was ich meine was das Kind gemeint/gefühlt/gewünscht haben könnte.

„Du wünschst Dir sehr, dass es wirklich so gewesen ist wie du sagst“ oder auch „Du wünschst Dir, dass das Teil in deiner Tasche Dir gehören würde“ und ähnliche Sätze sind dazu ein sehr häufig gebrauchter Gesprächsbeginn. Dem Kind hilft es, sich zu öffnen, „die Wahrheit“ zu sagen und sich nicht aus Angst vor einer Sanktion zu verschließen.

Meine Aufgabe ist es dann, dem Kind die Gefühle, die es zu dieser „Tat“ verleitet haben, deutlich zu machen - zu spiegeln. Es lernt sich dabei mit der Zeit besser kennen und langsam kann man auf diese Art dahin kommen, gemeinsam zu überlegen, was das Kind tun kann, damit „so etwas“ nicht mehr passiert.

Das alles ist ein Prozess, der sich sehr langsam entwickelt und natürlich muss ein Kind auch Dinge wieder „in Ordnung“ bringen. Es findet aber immer mehr den Mut dazu, dies auch aus ehrlich gemeinter Entschuldigung zu tun, wenn jemand hinter ihm steht und es nicht anklagt oder gar bestraft.

Meine Erfahrungen beziehen sich ausschließlich auf die Kindergartenzeit und das entsprechende Alter, in dem Kinder vielleicht schon „absichtlich lügen“, ganz bestimmt aber nicht, um anderen zu schaden, sondern ausschließlich, um sich die schwierig zu bewältigende Realität ein wenig „passender zu wünschen“!

Ich wünsche mir, dass Eltern

  • ihre Kinder nicht als Lügner in eine Ecke drängen lassen
  • Lügen nicht bestrafen, sondern lernen, ihre Kinder zu spiegeln und damit zu verstehen
  • hinter ihren Kindern stehen und sie ermutigen, „Dinge wieder in Ordnung zu bringen“
  • auch im Kindergarten Unterstützung einfordern, denn oft wird hier die Konfrontation vermieden und die alleinige Verantwortung an die Eltern geschoben
  • ihren Kindern zugestehen können, dass sie eigentlich „nur lügen“, um als braves Kind geliebt zu werden …
Kerstin Blank-Bringmann (2007)